Hintergrund
In Deutschland wird Kreativität oft gleichgesetzt mit "Kreativitätstechniken". Diese sind ein wesentlicher Aspekt der angewandten Kreativität; die alleinige Fokussierung darauf aber
- lässt wesentliche Aspekte, die Kreativität ausmachen, außer acht
- kann Menschen, die keinen Bezug zu Techniken haben, leicht abschrecken
- greift zu kurz, da Techniken in der Regel nur einen engen Bereich ansprechen
In anderen Ländern sind kreative Methodiken, die mehrere Phasen des kreativen Prozesses abbilden, schon seit langem ein üblicher Bestandteil der angewandten Kreativität. 2 Beispiele von vielen hierfür sind:
- CPS (Creative Problem Solving - zu deutsch: Kreatives Problem-Lösen): Diese Kreativmethodik, die von Alex Osborn, dem Enwickler des Brainstormings höchstpersönlich stammt, ist in den englischsprachigen Ländern und Kontinenten seit den 50-iger Jahren weit verbreitet; sie kommt sowohl in Unternehmen bei Problemlösungs- und Innovationsprozessen zum Einsatz, wie sie auch bereits in der Grundschule zur Vermittlung grundliegender Lösungsfähigkeiten erfolgreich angewandt wird. Sie umfasst 6 Schritte, von denen jeder eine Vielzahl an Kreativitätstechniken aufnehmen und adaptieren kann (Näheres s. auf den Seiten von CreaJour, dem Online-Kreativportal).
- TRIZ (übersetzt: die Theorie des erfinderischen Problemlösens): Eine komplexe russische Kresativätsmethodik nach Genrich S. Altschuller, die eine Vielzahl von Schritten und Techniken in einen hochkomplexen Anlauf vereint, mit dem Ziel, die, den erfolgreichen Erfindungen zugrunde liegenden Prinzipien zu identifizieren, zu eliozitieren und erfolgreich auf eigen Problemstellungen zu übertragen. Auch hier können eine Vielzahl bekannter "singulärer" Kreativtechniken nahtlos integriert werden.
In Deutschland hat bislang keine Methodik wirksam greifen können. Daher war die Zeit überfällig, das vorhandene Wissen über den kreativen Prozess zu bündeln und eine Methodik zu entwickeln, die die Phasen des kreativen Kreislaufs komplett und praktisch abbildet und existente singuläre Techniken sinnvoll integriert. Diese Methodik wurde in den Jahren 2003-2005 von Michael Luther entwickelt und trägt den Namen Idealog.
Idealog - Ideen im Dialog entwickeln
Idealog ist eine Kreativmethodik in 4 Schritten, die alle Phasen und Perspektiven des kreativen Prozesses integriert; sie steht für „Ideen entwickeln im Dialog“ (vgl. Luther 2007, 50 ff.). Sie besteht aus unterschiedlichen Handlungs-Dimensionen; allen gemeinsam ist die Unterteilung in 4 Schritte, analog dem Verlauf des kreativen Prozesses (in Anlehnung an Wallace).
Die 4 Schritte sind:
Orientierung
- Ziel: Klärung des zugrunde liegenden Problems, Faktensammlung, Definition eines Zieles
- Intention: Richtung festlegen
- Kompetenz: Aufklärer
- Leitfrage: Wohin soll es gehen?
Generierung
- Ziel: Formulierung von Wünschen, Entwicklung von Visionen, Quer denken
- Intention: Ideen entwickeln
- Kompetenz: Ideengeber
- Leitfrage: Was wäre möglich?
Optimierung
- Ziel: Auswahl und Verfeinerung der erfolgversprechendsten Lösungsansätze, Formulierung von Konzepten
- Intention: Ideen optimieren
- Kompetenz: Optimierer
- Leitfrage: Was ließe sich verbessern?
Realisierung
- Ziel: Umsetzungsvorbereitung, Umsetzung der Lösungen, Erfolgskontrolle
- Intention: Ideen realisieren
- Kompetenz: Umsetzer
- Leitfrage: Wie wird es umgesetzt?
Vorgehensweise bei der Methodik
In der Praxis kommt die Idealog-Methodik als eine gelenkte Gruppendiskussion zum Einsatz. Dabei nehmen nacheinander alle Beteiligten gemeinsam verschiedene Perspektiven ein, die den Phasen des kreativen Prozesses und damit jeweils auch unterschiedlichen kreativen Denkrichtungen entsprechen. Dadurch wird gewährleistet, dass in Problemlösungs- oder Innovationsprozessen alle, für die Bearbeitung einer Aufgabe relevanten Aspekte berücksichtigt werden. Auch werden Reibungsverluste durch zeitraubende Diskussionen vermieden, alle Denkpositionen paritätisch berücksichtigt und Prozesse zeitoptimiert durchgeführt.
Die fortgeschrittene Variante geht nach der AICA-Formel vor: Auftrag-Impuls-Check-Aktion. Sie unterteilt jeden der 4 Schritte zusätzlich in weitere Handlungsabschnitte, in denen jeweils ausgewählte Kreativitätstechniken zum Einsatz kommen.
Der Prozess kann mehrfach durchlaufen werden; es ist auch möglich, die Reihenfolge zu wechseln. Jeder der 4 Abschnitte zielt auf ein spezifisches Ergebnis, nutzt eine eigene Denkrichtung und verfügt über definierte Spielregeln, um den Erfolg sicherzustellen. Die bekannte Regel „Quantität vor Qualität“ kommt z.B. (nur!) in der 2. Phase der Ideenfindung zur Anwendung; in anderen Phasen gelten eigene Richtlinien. Nahezu alle bekannten Kreativitätstechniken können, ihrem Zweck entsprechend, in den einzelnen Schritten zum Einsatz kommen.
Wichtig ist dabei zu wissen, welches die aktuelle Phase ist und was hier erforderlich ist, um zu einer Lösung zu kommen. Eine eindeutige Trennung der Phasen ist notwendig, damit sich alle Beteiligten auf die jeweils erforderliche Art zu denken einstellen können.
Einsatz
Durch die praktische Umsetzung der 4 kreativen Prozessphasen eignet sich die Idealog-Methodik sowohl für Einzelpersonen wie auch für Teams zur umfassenden und systematischen Aufgabenbearbeitung, Sitzungsstrukturierung, Problemlösung und Projektarbeit bis hin zur gelenkten Innovation. Wesentliche Einsatzfelder in Deutschland sind aktuell berufliche Problemlösungsprozesse und der Bereich des systematischen Erfindens.
Praxis-Transfer-Tipps
- Gelenkte Gruppendiskussion: Sitzungsteilnehmer nehmen nacheinander gemeinsam die vier verschiedenen Perspektiven ein, die bestimmten Phasen des kreativen Prozesses und damit jeweils auch einer kreativen Denkrichtung entsprechen. Es darf jeweils nur „in die gleiche Richtung gedacht werden“, dh. alle Beiträge müssen sich an den Zielen und Spielregeln des entsprechenden Abschnitts orientieren.
- Fortgeschrittene Variante: In jedem Abschnitt kommen ausgewählte Kreativitätstechniken zum Einsatz, die das jeweilige Ziel unterstützen (z.B.: Orientierung: SMART-Technik; Generierung: Brainstorming; Optimierung: SWOT-Analyse; Realisierung: Checkliste/ Maßnahmenplan).
Idealog ist unser Beitrag zur praktischen, kompetenten und systematischen Nutzung der Ressource Kreativität in Beruf und Alltag. Er ist kompatibel zu dem IPC - InnovationsPotential-Compass und bildet gemeinsam einen einmaligen Praxisnutzen für den Anwender ab.
Mehr zum Thema Idealog finden Sie auch auf den Seiten von CreaJour, dem Onlineportal rund um kreative Ideenfindung.
Hier geht's zu der konkreten Anwendung. Bei Fragen oder Wünschen zur Methodik oder der konkreten Umsetzung für Ihre Aufgabenstellung helfen wir Ihnen gerne weiter.
© Köln 2006, Michael Luther
